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Das Vorgängerprojekt „Standorte und Denkwege von Kindern im
Mathematikunterricht" dauerte von 1994 bis 2000 und stand im Zusammenhang mit
Erprobungsarbeiten zum Zahlenbuch in der Schweiz. Der folgende Bericht erschien
im Tagungsband des GDM-Kongresses 2000 in Potsdam: Neubrand, M. (Hrsg.):
Beiträge zum Mathematik-unterricht 2000. Vorträge auf der 34. Tagung für
Didaktik der Mathematik. Hildesheim: Franzbecker, 2000, SS.278-281.
Elmar HENGARTNER, Zofingen
Standorte und Denkwege von Kindern erkunden:
Praxisstudien in der mathematikdidaktischen Ausbildung
An zwei schweizerischen Lehrerbildungsinstituten, der Höheren
Pädagogischen Lehranstalt des Kantons Aargau und am Pädagogischen Institut
Basel-Stadt, laufen seit sechs Jahren Versuche mit zwei Arten von Praxisstudien.
Die ersteren stehen im Zusammenhang mit der Erprobung und Weiterentwicklung von
Lernumgebungen vor allem aus dem Projekt „mathe 2000" (z.B. Wittmann/ Müller
1990, 1992). Für die Praxisstudien stehen ausgewählte Übungsschulklassen zur
Verfügung. Die Erprobungen ergaben teils überraschende Diskrepanzen zwischen
Fähigkeiten von Kindern und herkömmlichen Lehrmitteln bzw. offiziellen
Lehrplänen: Die Kinder konnten mehr und anderes, als von ihnen erwartet wurde.
Dies war Anlass für eine zweite Art von Praxisstudien, bei
denen es darum geht, das Vorwissen (die Standorte) der Kinder zu ermitteln und
die Denkwege zu erkunden. Zwei Fragen stehen im Vordergrund:
a. Was können Kinder bereits im Hinblick auf ein Rahmenthema,
das im Unterricht bevorsteht?
b. Wie haben sie sich das, was sie schon können, angeeignet? Über welche
Denk- und Lösungsstrategien verfügen sie bereits?
Wir führten die Studien zunächst in 11 Klassen durch, die wir
über die gesamte Grundschulzeit (vier bzw. fünf Jahre) begleitet haben. Alle
Erkundungen wurden nach einer Einführung von Studierenden geplant, durchgeführt
und ausgewertet – dies im Rahmen eines Projektstudiums, einem
Wahlpflichtbereich, für welchen während eines Jahres wöchentlich ein Halbtag zur
Verfügung steht.
Vier Zugänge
Für das Erkunden von Standorten und Denkwegen ergaben sich im
Laufe der Arbeit vier Zugänge, die sich hauptsächlich von den Zielen her
unterscheiden lassen:
- Standortbestimmungen
- klinische Interviews
- gezielte Erkundungen
- freie Produktionen
Für die Wahl dieser Zugänge waren zwei Gesichtspunkte
wichtig: Sie sollten für die Studierenden optimale Gelegenheiten
fachdidaktischer Qualifizierung bieten und für die Lehrpersonen in der Praxis
auch verwendbar sein. Bei den meisten Studien haben wir mehrere Zugänge
kombiniert.
1. Standortbestimmungen ermitteln bereits vorhandene
Kenntnisse und Fähigkeiten in Themenbereichen, deren Behandlung im Unterricht
erst bevorsteht. Vor Schuleintritt haben wir z.B. im Anschluss an
klinische Interviews Testaufgaben zum Thema Zoo entwickelt und diese insgesamt
100 Kindergartenkindern vorgelegt: Die Aufgaben bezogen sich auf verschiedene
Aspekte von Zahlen und unterschiedliche Operationen: auf Anzahlen (von Tieren in
Gehegen), Ordinalzahlen (bei der Schlange an der Kasse), Rechnen mit
Geldbeträgen (Eintritt), Uhrzeitangaben (Raubtierfütterung, Öffnungszeiten), auf
das Verdoppeln, Addieren und Subtrahieren (Tiere, die ihr Haus verlassen oder
hineingehen). Die Ergebnisse haben Konsequenzen für den mathematischen
Anfangsunterricht: Sie legen nahe, mathematisches Vorwissen in lebensweltlichen
Situationen mehr zu nutzen und sie belegen die Bedeutung des Verdoppelns für
eine strukturierte Anzahlerfassung.
Diese und weitere Erkundungen im Verlauf der Grundschulzeit
ergaben, neben individuellen Unterschieden zwischen den Kindern, stets auch
bedeutende Differenzen zwischen den Lerngruppen: Auch aus diesem Grund sind
Standortbestimmungen zu allen größeren Rahmenthemen sinnvoll und notwendig.
2. Klinische Interviews unterscheiden sich von andern
Zugängen nach Zielen und Methode: Das Erfassen individueller Strategien steht im
Vordergrund. Das Interview mit einzelnen Kindern, seltener mit Schülergruppen
folgt einem Leitfaden, der Abweichungen zulässt und alternative Aufgaben
enthält. Außer im Kindergarten haben wir die meisten klinischen Interviews im
Anschluss an Standortbestimmungen durchgeführt, sei es mit allen oder nur mit
(von der Lehrerin) ausgewählten Kindern der beteiligten Klassen. Um eine
Übersicht über Lösungswege und Strategien der Kinder zu gewinnen, genügten in
der Regel Interviews mit etwa 20 Kindern. Die Studierenden üben in klinischen
Interviews ein Verhalten, das für aktiv-entdeckenden Unterricht zentral ist: Das
Wechselspiel von Zuhören und Aufgaben-Stellen, das Beobachten, Zeit-Lassen, das
Äußern von Interesse an individuellen Denkwegen und an der Beschreibung
derselben durch die Kinder.
3. Gezielte Erkundungen eignen sich auch für das
Ermitteln unterschiedlicher Strategien. Im Unterschied zu klinischen Interviews
sehen wir sie im Zusammenhang vorliegender Unterrichtsentwürfe; sie dienen der
Überprüfung von zugrunde liegenden Annahmen. Es handelt sich hier um
Erkundungsaufgaben, welche einer Klasse gestellt werden. Zur Subtraktion
dreistelliger Zahlen haben wir z.B. die Lösungswege von Kindern nach
halbschriftlichen Strategien interpretiert und dabei deren Häufigkeit und Erfolg
untersucht (vgl. Hengartner 1999). Es zeigte sich, dass das „Ergänzen" (in
verschiedenen Varianten) die häufigste und erfolgreichste Strategie war; dass
nur wenige Kinder die Strategie „schrittweises Subtrahieren (von H, Z, E)"
versuchten, häufig aber mit Erfolg, und dass die Strategie „Stellenwerte extra"
die fehleranfälligste war. Gezielte Erkundungen sind hilfreich für einen
Unterricht, der den halbschriftlichen Strategien mehr Bedeutung beimisst.
4. Freie Produktionen von Kindern in offenen Aufgaben
haben Lehrerinnen und Studierende oft überrascht und öffneten den Blick für
Vorwissen und Denkweisen, denen sie in eigenen Studien nachgingen. Manchmal sind
offene Aufgaben auch eine Antwort auf Standortbestimmungen, wenn man
festgestellten Unterschieden mit einer Öffnung von Freiräumen für
Eigenproduktionen begegnen will. Einen besonderen Stellenwert haben
Übungsformate und offene Sachsituationen, die für verschiedne Aufgabenideen und
Lösungswege Spielraum gewähren
(Aus Platzgründen muss hier auf die Wiedergabe von Beispielen
zu den vier Zugängen verzichtet werden. Entsprechende Dokumente finden sich in
Hengartner 1999.)
Bedeutung der Studien in Ausbildung und Praxis
Die Erkundungen von Standorten und Denkwegen stehen in einem
ausbildungsdidaktischen Kontext: Sie sind als Elemente fachdidaktischer
Qualifizierung geplant, haben aber auch für beteiligte Lehrpersonen und Kinder
einen besonderen Stellenwert. Aufgrund von Beobachtungen, Rückmeldungen und
schriftlichen Dokumenten lässt sich die Bedeutung der Studien wie folgt
umschreiben:
Für die Studierenden: Die Erkundungen konfrontieren sie
mit sehr unterschiedlichem, teils überraschendem Vorwissen der Kinder und mit
sehr vielfältigen Lösungs- und Denkmöglichkeiten. Dies macht skeptisch gegenüber
klein- und gleichschrittiger Lenkung und frühzeitiger Normierung. Es begünstigt
ein Verständnis von Lehren, welches Eigenkonstruktionen der Kinder Raum gibt. Es
öffnet den Blick für die Perspektive der Lernenden.
Für die Lehrerinnen kommt hinzu, dass manche Studien in
die eigene Unterrichtsplanung einfliessen können. So gehören z.B.
Standortbestimmungen zur Planung eines Unterrichts, welcher auf Vorkenntnisse
aufbaut und diese weiterentwickeln hilft. Die Studien können auch zur Begründung
unterrichtlichen Vorgehens beitragen: Standortbestimmungen begründen z.B. einen
Unterricht in Sinnganzen mit reichhaltigen Lernumgebungen und komplexeren
Aufgaben. Ergebnisse gezielter Erkundungen und klinischer Interviews begründen
z.B. die Freigabe der Methoden.
Für die Kinder können folgende Wirkungen vermutet werden:
Sie erfahren ein Lehrerhandeln, das ihr Lernen wirksam unterstützt. Dazu gehört,
dass Lehrpersonen sie nach Lösungswegen und Denkabläufen befragen und diese
aufmerksam nachzuvollziehen versuchen. Die Kinder sind aufgefordert, mit eigenen
Mitteln ihre Überlegungen darzustellen und einander zu erklären. Dabei werden
fehlerhafte Vorstellungen sichtbar und diskutierbar; Fehler werden als zum
Lernen gehörig betrachtet. Kinder erfahren, dass ihnen viel zugemutet wird, was
ihr Selbst-Zutrauen zu stärken vermag.
Unsere Studien zu Standorten und Denkwegen verstehen sich als
Übungen für einen Mathematikunterricht, welcher Kindern den Sinn für das
Ganze zumutet, ihnen eigene Entdeckungen zutraut, Spielraum für eigene Wege und
eigenes Denken öffnet und in welchem eine Kultur der wechselseitigen
Verständigung lebendig ist.
Literatur:
Hengartner, E. (Hrsg.) (1999): Mit Kindern lernen. Standorte und Denkwege im
Mathematikunterricht. Zug: Klett und Balmer
Wittmann, E. Ch., Müller, G. N. (1990/1992): Handbuch produktiver Rechenübungen,
Band 1 und 2. Klett: Stuttgart
Müller, G. N., Wittmann, E. Ch. u.a. (1994-97): Das Zahlenbuch 1- 4. Klett:
Leipzig
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