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«Die Kinder werden
wendiger mit den Zahlen ...»
Die Rektorin Ester
Dürrenberger und die beiden Klassenlehrerinnen auf der Unter- und
Mittelstufe, Salome Tschopp und Brigitte Gfeller, berichten im Gespräch mit den
Basellandschaftlichen Schulnachrichten (Interview: Beat Wirz) über ihre
bisherigen Erfahrungen
beim Unterrichtsentwicklungsprojekt an der Primarschule Lupsingen. Ihre
Zwischenbilanz
ist positiv. Der Mathematikunterricht ist zwar anspruchsvoller und aufwändiger
geworden,
gleichzeitig aber auch spannender und ertragreicher für beide Seiten, für die
Kinder ebenso
wie für die Lehrpersonen.
Blockzeiten als Auslöser
Blld.
Schulnachrichten:
Wenn Sie
zurückblicken, sind es noch immer dieselben Motive und Gründe, die Sie im August
2001 dazu bewogen haben, sich mit Ihrer Schule am Mathematik-Projekt zu
beteiligen? Der Wechsel zu den umfassenden Blockzeiten spielte dabei ja ein
entscheidende Rolle.
Salome
Tschopp:
Weil die Kinder am Vormittag neu jeweils vier Stunden in der Schule sein würden,
erschien es uns wichtig, dass wir an den langen Vormittagen alle Kinder
erreichen, und zwar vier Stunden lang. Die bisherige Mathematik ermöglichte dies
nicht. Für mich auf der Unterstufe war es also schon wichtig, dass es neue Wege
gibt in der Mathematik.
Brigitte
Gfeller:
Für mich besteht dieser Zusammenhang zwischen Blockzeiten und Projekt nach wie
vor. Es ist wichtig gewesen, dass wir das Aargauer Lehrmittel beiseite gelegt
haben und zum Zahlenbuch und zu den Lernumgebungen gekommen sind. Besonders für
die schwächeren Kinder in der Klasse war das ein sehr guter Schritt. Ich
beobachte, dass Kinder, die beim Aargauer Lehrmittel eher Mühe hatten, jetzt
vielfach viel motivierter sind und wieder Freude am Rechnen bekommen haben.
Blld.
Schulnachrichten:
Würden Sie
sich heute am Projekt auch ohne umfassende Blockzeiten beteiligen?
Ester
Dürrenberger:
Ja. Was wir alle
sehr schätzen, das ist der Input, den wir von aussen bekommen. Elmar Hengartner
hat etwas Neues in unsere Schule hineingetragen. Wir sehen neue Möglichkeiten
und erhalten viele gute Ideen. Das ist für alle befruchtend. Ich selber habe
viel gelernt und damit begonnen, noch einmal ganz anders Mathematik zu
unterrichten.
Ein anderer Umgang mit Heterogenität
Blld.
Schulnachrichten:
Lernumgebungen sollen dazu dienen, angemessener mit den unterschiedlichen
mathematischen Kenntnissen und Fähigkeiten der einzelnen Kinder in einer Klasse
umzugehen. Gelingt das?
Ester
Dürrenberger:
Es gibt einfach sehr
viel mehr Eigeninitiative bei der Arbeit und beim Lernen. Vorher löste jedes
Kind bigeliweise oder sätzchenweise Aufgaben. Jetzt ist es möglich, dass sie
ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden. Die erste Klasse rechnete
beispielsweise in den ersten paar Wochen bis 6, danach bis 10, dann war der
Übergang an der Reihe usw. Mit dem Zahlenbuch und den Lernumgebungen können
Kinder, die weit über das hinaus rechnen, sich schon von Anfang an in ihrer
Zahlenmenge bewegen.
Brigitte
Gfeller:
Ich habe mich gefragt, warum gewisse Kinder, wenn sie mit dem Zahlenbuch und
Lernumgebungen arbeiten, motivierter sind. In meiner Klasse habe ich ein
Mädchen, das nach der zweiten Klasse im Rechnen völlig «abgelöscht» war. Jetzt
hat es wieder Freude am Mathematikunterricht. Im Aargauer Lehrmittel haben wir
die Seiten mit den Bigeli. Die schnellen Kinder haben eine Seite innerhalb von
10 Minuten gelöst, die schwächeren Kinder haben dafür gewöhnlich viel mehr Zeit
gebraucht. Jetzt geht es nicht mehr darum, dass alle dieselbe Seite lösen,
sondern dass sich alle mit einer von ihnen ausgewählten Aufgabe
auseinandersetzen. Da ist es nicht mehr so, dass das stärkere Kind sehr schnell
mehrere Aufgaben derselben Art und das schwächere Kind in derselben Zeit bloss
eine Aufgabe gelöst hat. Bei Lernumgebungen ist das ausgeglichener. Ein
schwächeres Kind löst eine Aufgabe, ein stärkeres Kind tut das auch. Den
Unterschied macht nicht mehr die Menge aus, sondern die Vielfalt und
Reichhaltigkeit der Ergebnisse.
Lernerfolg für Langsame
Blld.
Schulnachrichten:
Mit
Lernumgebungen, so jedenfalls legt es der Titel des Projekts nahe, kann ohne
äussere Differenzierung mit Langsamen und Hochbegabten gearbeitet werden. Sind
mit Langsamen auch solche Kinder gemeint, die Sie früher beispielsweise in den
Dyskalkulieunterricht geschickt hätten?
Salome
Tschopp:
Ich hatte kürzlich ein eindrückliches Erlebnis. Wir hatten die Diagnosegespräche
für die Fördergruppe. Ich habe kein Kind, das mathematisch zusätzlich gefördert
werden muss. Das könnte natürlich auch an der Klasse liegen. Aber vermutlich hat
es doch auch mit der Art von Mathematik zu tun, dass die Kinder insgesamt
motivierter sind und es weniger Probleme gibt. In meiner Klasse kann ich
beobachten, dass es mit den Lernumgebungen und dem Zahlenbuch besser gelingt,
die Langsamen in den Mathematikunterricht zu integrieren. Ich mache auch noch
andere Beobachtungen, beispielsweise, dass Kinder, die gerne Bigeli rechnen und
das sehr schnell tun, zum Teil bei der Arbeit mit Lernumgebungen eher gehemmt
sind, weil sie selber etwas erkunden und darüber nachdenken müssen. Oder dass
Kinder, die ausgesprochen keine Schnellrechner sind, sich gerne mit
Lernumgebungen beschäftigen und gute Ergebnisse erzielen.
Ester
Dürrenberger:
Ja, es gelingt
besser, auch Schülerinnen und Schüler, für welche Mathematik ein schwieriges
Fach ist, zu fördern. Auf den oberen Stufen hat das auch viel mit der Qualität
des Lehrmittels zu tun. So wird zum Beispiel im Übungsheft für die fünfte Klasse
eine gute Pädagogik angewandt. Die Materialien ermöglichen es den Kindern,
selbständig zu arbeiten und nach jedem Kapitel eine Lernkontrolle durchzuführen.
Damit kommen auch die Schwachen zurecht. Sie prüfen selber, was sie können und
was sie noch nicht gut genug können. Sie wissen ziemlich genau, wo ihre Lücken
sind, und gleichen in der Regel noch vorhandene Mängel aus eigenem Antrieb aus.
Mathematisch begabte Kinder
Blld.
Schulnachrichten:
Haben Sie in
Ihren Klassen Schülerinnen und Schüler, die mit Lernumgebungen zu wenig
herausgefordert sind, nicht «satt» werden?
Salome
Tschopp:
Bei der letzten Lernumgebung hat mich ein Kind wirklich sehr erstaunt. Ich
denke, es ist hochbegabt. Ich habe von diesem oder anderen leistungsstarken
Kindern in meiner Klasse aber noch nie gehört, es sei ihnen langweilig in der
Mathematik. Das Zahlenbuch stellt oft auch Aufgaben, die mich schnell auf eine
Idee bringen, wie ein Kind weiterarbeiten kann. Die Kinder mit besonderen
mathematischen Fähigkeiten, selbst das in meinen Augen hochbegabte Kind,
benötigen nach meiner bisherigen Erfahrung keine zusätzlichen Sonderangebote.
Die Lernumgebungen sind das Sonderangebot. Das reicht.
Praktischer Umgang mit
Lernumgebungen
Blld.
Schulnachrichten:
Sprechen Sie
den Einsatz der Lernumgebungen im Team ab oder entscheiden Sie je einzeln, ob
und welche Lernumgebung Sie in Ihrem Unterricht verwenden.
Brigitte
Gfeller:
Bei der letzten Lernumgebung, die ich durchgeführt habe, haben wir uns
untereinander abgesprochen: Da haben sich alle Klassen auf der Mittelstufe mit
Treppenaufgaben befasst. Die 3. und die 4. Klasse arbeitete mit derselben
Lernumgebung, diejenige für die 5. Klasse haben wir etwas abgeändert.
Salome
Tschopp:
Jede Klassenlehrperson ist für ihre Jahrgangsstufe im Besitz einer Sammlung von
Rohlingen, noch unfertigen Lernumgebungen, sowie auch von bereits erprobten
Umgebungen. Das heisst, wir können immer auch individuell vorgehen und eine
Umgebung hervornehmen, wenn sie zum Thema, das wir gerade im Zahlenbuch
behandeln, passt.
Blld.
Schulnachrichten:
Wie oft
werden Lernumgebungen eingesetzt und wie lange arbeitet eine Klasse daran?
Ester
Dürrenberger:
Ich setze vielleicht
alle sechs Wochen eine Lernumgebung ein. Es gibt Umgebungen, an denen die Kinder
während einer Schulwoche 2 bis 3 Stunden arbeiten, dann auch solche, für die ich
bis zu 5 Stunden einsetze.
Blld.
Schulnachrichten:
Könnte man
durch die Arbeit mit Lernumgebungen das Zahlenbuch ersetzen?
Ester
Dürrenberger:
Das Zahlenbuch ist
der rote Faden durch den Stoff eines Jahrganges. Wenn Lernumgebungen als
Sammlung für jedes Schuljahr und alle Rahmenthemen aufgebaut wären, könnte ich
mir das vorstellen.
Brigitte
Gfeller:
Auch wenn ich die Wahl hätte, würde ich das Zahlenbuch nicht weglegen. Ich finde
es sehr gut.
Austausch der Resultate
Blld.
Schulnachrichten:
Schaut man am
Ende einer Lernumgebung zusammen mit der Klasse an, was die einzelnen Kinder
herausgefunden haben?
Ester
Dürrenberger:
Bei der letzten
Lernumgebung habe ich die Kinder gebeten, vom eigenen Ergebnis ein Arbeitsblatt
mit einer Konstruktionsanleitung für die anderen Kinder anzufertigen. Da habe
ich den Austausch angeleitet, das würde ich jedoch nicht bei jeder Lernumgebung
tun.
Salome
Tschopp:
Es kommt auf die Lernumgebung an. Ich würde von den Kindern nicht immer
verlangen, dass die Resultate öffentlich ausgetauscht werden. Gerade bei
schwächeren Kindern wäre das nicht immer gut. Häufig findet der Austausch unter
den Kindern ja auch von selbst statt.
Eignen sich Lernumgebungen für alle
Kinder?
Blld.
Schulnachrichten:
Gibt es
Kinder, für die das Zahlenbuch und die Lernumgebungen weniger geeignet sind und
die mit dem alten Mathematikunterricht besser gefahren sind?
Brigitte
Gfeller:
Ich habe Kinder, welche die neue Art der Mathematik zu anstrengend finden.
Obschon sie viel mehr könnten, wollen sie nicht. Bei ihnen finden Lernumgebungen
keinen grossen Anklang.
Ester
Dürrenberger:
Für mich ist es so,
dass die Kinder jetzt im zweiten Jahr unseres Projekts viel selbstverständlicher
damit umgehen als im ersten Jahr. Das ist ein eindeutiger Fortschritt. Ihnen ist
inzwischen vertraut, dass sie in neue Gebiete mit Lernumgebungen eingeführt
werden. Sie merken, alles ist anschaulich und farbig. Ein neues Thema wird von
verschiedenen Seiten her betrachtet, so dass jedes Kind bei der Sichtweise, die
ihm am besten entspricht, mit der Arbeit fortfahren kann. Jetzt bin ich bei den
Brüchen, auch hier beobachte ich, dass die Lernumgebungen die Kinder wirklich
ansprechen.
Werden die Lernziele erreicht?
Blld.
Schulnachrichten:
Erreichen die
Kinder mit der neuen Art, Mathematik zu unterrichten, die vorgegebenen Lernziele
gleich gut.
Salome
Tschopp:
In meiner Unterstufenklasse stelle ich zwei Dinge fest: Wir erreichen die
Lernziele früher und alle Kinder erreichen die Lernziele. Gerade letzteres ist
nach meinem Dafürhalten gar nicht selbstverständlich. Nun stellt sich die Frage,
liegt das vielleicht an meiner Klasse und ihrer Zusammensetzung? Oder hat es
etwas mit der Methode zu tun? Ich meine, es hat auch mit der Methode zu tun.
Ester
Dürrenberger:
Das kann ich noch
nicht so genau beurteilen. Was mir aber auffällt, ist, die Kinder werden
wendiger mit den Zahlen, gehen geschickter und leichtfüssiger damit um.
Brigitte
Gfeller:
Das sehe ich auch so, und mit dem Zahlenbuch und den Lernumgebungen lernen sie
auch besser zu verstehen, warum man überhaupt rechnen lernen soll. Das
Zahlenbuch zeigt den Kindern, überall gibt es Zahlen zu entdecken. Der
Gletscher, der wachsen oder schmelzen kann. Fürs Einkaufen braucht es Geld, man
muss damit aber auch rechnen können. Usw. Es ist immer mehr als bloss eine Plus-
und Minusrechnung.
Salome
Tschopp:
Es geht sogar noch weiter. Die Kinder begreifen, wie die Zahlen aufgebaut sind,
was eine mathematische Operation ist und wie sie Operationen selber wieder
herleiten können. Sie lernen, dass man aus Bildern und Mustern Zahlen
herauslesen und dass man Zahlen auch zeichnen kann.
Lernumgebungen sind spannend und
aufwändig
Blld.
Schulnachrichten:
Wir haben
bisher vor allem darüber gesprochen, welche direkten Auswirkungen Lernumgebungen
auf die Kinder haben können. Was hat das Projekt bei Ihnen als Lehrerin
ausgelöst, was hat sich verändert?
Ester
Dürrenberger:
Der
Mathematikunterricht ist für mich bedeutend anspruchsvoller, aber auch viel
spannender und interessanter geworden. Bei Lernumgebungen ist die
Vorbereitungsarbeit gross, bedeutend arbeitsintensiver ist auch die
Nachbereitung. Spannend daran sind die vielen Ideen, die ich bei der Arbeit mit
den Kindern erhalte und die mir die Möglichkeit geben, immer wieder anders an
die Aufgabenstellungen heranzugehen.
Blld.
Schulnachrichten:
Was ist denn
der aufwändigste Teil bei der Vor- und Nachbereitung von Lernumgebungen.
Ester
Dürrenberger:
Die Korrektur und
Auswertung der Ergebnisse. Jedes Kind stellt ja seine eigenen Gedankengänge an,
denen ich folgen und die ich kommentieren und nötigenfalls auch korrigieren
muss. Es gibt keinen allgemeinen Korrekturraster, jede Arbeit ist individuell.
Wenn man 20 Kinder in einer Klasse hat, dann bedeutet das viel Arbeit. Wir
werden uns beim weiteren Verlauf unseres Projekts noch eingehend mit der
Korrekturarbeit auseinandersetzen müssen. Wenn wir diesen Teil des
Arbeitsaufwandes nicht reduzieren können, besteht die Gefahr, dass der
grosszügige Einsatz von Lernumgebungen an der Primarschule scheitert.
Nebenwirkungen auf den übrigen
Unterricht
Blld.
Schulnachrichten:
Färbt der
Mathematikunterricht auch auf Ihren Unterricht in den übrigen Fächern ab?
Salome
Tschopp:
Bei mir hat unser Projekt einiges ausgelöst. Ich habe zum Beispiel eine
Weiterbildung zum Thema Begabtenförderung absolviert. Mich haben die
Eigenleistungen der Kinder in der Mathematik so sehr fasziniert, dass ich
unbedingt erfahren wollte, wie ich in anderen Fächern so unterrichten kann. Es
ist aber ein langer Weg.
Ester
Dürrenberger:
Weil man sieht, dass
unsere Kinder im Mathematikunterricht immer wieder zu erstaunlichen Resultaten
gelangen, hat das sicher einen Einfluss auf den übrigen Unterricht. Ich gestalte
die Themen heute auch in den anderen Fächern offener als früher, aber ich tue
das nicht gleich konsequent wie in der Mathematik.
Brigitte
Gfeller:
Im Moment beschränke ich mich darauf, einen reichhaltigen und offenen
Mathematikunterricht zu erteilen. Den Grundgedanken, von dem sich unser Projekt
leiten lässt, möchte ich aber später auch in die anderen Fächer einbringen und
umsetzen.
Blld.
Schulnachrichten:
Frau
Dürrenberger, Frau Gfeller und Frau Tschopp, wir danken Ihnen für dieses
Gespräch.
Basellandschaftliche Schulnachrichten, BW/fk
Interview von Beat Wirz, Stabstelle Bildung